Vom inneren Kampf – Gedanken zu Kritik und Selbstkritik

Die Revolution anzuzetteln, bedeutet nicht nur, den Putsch zu planen oder Baupläne für die besten Barrikaden zu teilen. Es bedeutet allem voran, so unser Freiburger Genosse, eigene Denk- und Handelsmuster sowie unser Miteinander als Genoss*innen zu hinterfragen und als allerstes hier mit zerstörerischen Strukturen zu brechen.

Ich behaupte, um eine neue revolutionäre Linke aufzubauen, reicht es nicht aus, nur von Werten wie Solidarität zu reden, die herrschenden Verhältnisse zu kritisieren, die Revolution zu fordern, und den Kampf gegen einen äußeren Feind zu führen. Für noch wichtiger als das halte ich eigentlich den Kampf in uns selbst gegen unsere kapitalistische und patriarchale Sozialisation sowie das Leben und Vorleben der Ideale, die wir uns auf die Fahnen schreiben. Wer soll uns ernst nehmen und sich für unsere Utopien begeistern, wie wollen wir eine Anziehungskraft auf Menschen entwickeln, wenn wir nicht als glaubwürdig wahrgenommen werden? Der Prozess dieses Glaubwürdig-Werdens bedeutet für mich unsere eigene Entwicklung zu Militanten – nicht im Sinne einer Gleichsetzung von Militanz und körperlicher Gewalt wie sie so oft geschieht, sondern im Sinne der Herausbildung eines revolutionären Charakters und der Auflehnung gegen die herrschenden Verhältnisse in allen Lebensbereichen.

Diese Prozesse können meiner Meinung nach nicht allein und isoliert stattfinden, sondern müssen im Zusammenhang mit der politischen Praxis als Teil eines Kollektivs mit den Genoss*innen geführt werden.

Im Folgenden möchte ich versuchen die Punkte, die mir für diese Prozesse als wichtig erscheinen, auszuführen und zu veranschaulichen. Zuerst zum Begriff des politischen Kollektivs: Ein politisches Kollektiv zu sein bedeutet für mich nicht nur gemeinsam auf Plena zu sitzen, immer mal wieder auf eine Demo zu fahren oder gemeinsam über politische Strategien zu reden. Für uns hat der Begriff »kollektiv« eine weitaus tiefere Bedeutung, die in der politischen Praxis oft verwässert oder verfälscht wird. Kollektiv sein setzt für mich die Bereitschaft voraus, die kapitalistische Vereinzelung zu durchbrechen, die Angst voreinander zu überwinden, sich einander zu öffnen und zuzuwenden und eine neue Art von Beziehungen zueinander aufzubauen. Diese Herausforderung setzt die Bereitschaft voraus, sich mit sich selbst und der eigenen Verstricktheit in kapitalistische und patriarchale Verhaltens- und Denkweisen auseinanderzusetzen und an ihrer Überwindung gemeinschaftlich zu arbeiten.

Der Kampf gegen über 1000 Jahre Unterdrückung

Besonders zentral im Bereich patriarchaler Unterdrückung ist natürlich das Feld der Arbeitsteilung in der Reproduktion. Die Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Patriarchat muss aber wesentlich tiefer gehen als die Frage, wer heute wieder abspült oder die Kinder ins Bett bringt. Sie muss sich mit den zugrunde liegenden Machtstrukturen und subtilen Verhaltensweisen befassen, die über die vieldiskutierte Rededominanz hinausgehen und eher Fragen betreffen wie: Wer nimmt hier wen wie ernst? Wer übernimmt Verantwortung für das soziale Gefüge und dafür, dass Einzelne mit ihren Interessen nicht zu kurz kommen? Wer stellt seine Interessen hinter dem Allgemeinwohl zurück und wer nimmt sich Zeit für seine, wie es ihm gerade passt?

Darüber hinaus müssen auch die Ursprünge der Gefühle, Gedanken und des Wollens ergründet werden. Ein Beispiel dazu: Was ist der Grund dafür, dass sie zu Hause bleibt, weil sie »es besser mit den Kindern kann« oder putzt, weil sie »einfach ein höheres Sauberkeitsempfinden hat«. Auch Muster, die auf den ersten Blick wie von beiden gewollt und außerhalb patriarchaler Unterdrückung stehend erscheinen, müssen Gegenstand dieser Auseinandersetzung sein. Nicht weil im Kolchose-Style eingeführt werden soll, dass der Typ, der nicht kochen kann, dann einmal die Woche alle mit matschigen Spaghetti in Tomatensauce versorgt, sondern weil es das Patriarchat nun mal nur im Gesamtpaket gibt und es auch als solches durchdrungen werden muss.

Diese Auseinandersetzung mit einem tausende Jahre alten Unterdrückungssystem setzt von allen Seiten Geduld, Durchhaltevermögen und die Freude über kleine Erfolge und von männlicher Seite eine demütige Haltung gegenüber feministischer Kritik, eine Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit den eigenen Privilegien und das Bewusstsein voraus, dass patriarchale Denkmuster und Verhaltensweisen kein persönlicher Makel, aber auch nicht unabänderliches Charakterschicksal sind.

Für Frauen* kann diese Auseinandersetzung eine Beschäftigung zum Beispiel mit der eigenen Passivität und der Bedeutung von Beziehungen für den eigenen Selbstwert bedeuten. In der politischen Praxis bedeutet diese Auseinandersetzung auch Feminismus als selbstverständlichen Teil der Politik aller zu begreifen, als integralen Bestandteil aller politischen Arbeit und nicht als abgetrennter Teilbereich, der als Angelegenheit von ein paar Frauen* in der Gruppe verstanden wird.

Genau so wichtig wie dieser Kampf ist der Kampf gegen die Verheerungen, die das kapitalistische System in uns als Individuen anrichtet. Statt unseren Mitmenschen solidarisch gegenüber zu stehen, verfallen wir oft in eine einander feindliche Haltung, halten Fassaden gegenüber unseren Mitmenschen und uns selbst und leben auf diese Weise abgetrennt voneinander vor uns hin.

Das äußert sich zum Beispiel in der Angst davor, wegen eines Fehlers, den man macht, ausgestoßen oder zurückgestoßen zu werden, oder in der Angst vor Kritik, die als Angriff aufgefasst oder geäußert wird. Es äußert sich darin, einander über Leistung zu definieren, anstatt einander unabhängig davon einen Platz in unserer Mitte zuzugestehen und darin, in einer ständigen Konkurrenz zueinander zu stehen, einem Bedürfnis sich beweisen zu müssen, der*die Beste zu sein. Kein Wunder, in einer Gesellschaft, in der etwas Besonderes zu sein immer bedeutet, dass jemand anderes zurückgesetzt wird; in der der Erfolg für den einen die Niederlage für die andere ist und in der man es gewohnt ist, dass die Schwächen, die man nach außen zeigt, auch gegen einen verwendet werden.

Diese Verheerungen zeigen sich auch darin, nicht achtsam für die Bedürfnisse seiner Mitmenschen zu sein, nicht für einander zu sorgen und aufeinander zu achten, sondern sich hauptsächlich um sich selbst zu drehen. Sie äußern sich aber auch in einer Beziehung zu sich selbst, die in erster Linie von Wertmaßstäben der Nützlichkeit und der Leistung geprägt ist; darin, sich selbst nicht unabhängig von dem, was man leistet oder für andere darstellt Wert zuzusprechen. Die kapitalistischen Verhältnisse versuchen hartnäckig uns ins Dunkel der Selbstzweifel, der Geringschätzung und Ablehnung unserer Selbst zu zerren, weil sich minderwertig fühlende Menschen einfacher kontrollierbar sind.
 Sie zeigen sich in der Unfähigkeit zu kollektivem Leben, der ständigen Priorisierung der eigenen Bedürfnisse, dem Unvermögen sich dem Kollektiv unterzuordnen, dem Individualismus.


Diese Muster zu überwinden setzt die Bereitschaft voraus, liebevolle Beziehungen zu seinen Genoss*innen (und im Kontext der politischen Arbeit auch zu den anderen Unterdrückten, mit denen wir unsere Kämpfe führen), aber auch zu sich selbst aufzubauen, großen Mut und noch größeres Vertrauen in die Genossinnen und Genossen. Vertrauen braucht es darin, nicht zurückgestoßen zu werden, wenn wir uns so offenbaren wie wir sind und darin, aufgefangen zu werden, wenn wir an uns selbst zu verzweifeln drohen.

Den Anfang macht eine Entscheidung

Die Auseinandersetzung mit all dem bedingt aber für mich nicht unbedingt die Herausbildung von revolutionären Persönlichkeiten. Diese Herausbildung beginnt für mich mit einer Entscheidung: Will ich mein Leben dem Sozialismus verschreiben? Will ich mit den herrschenden Verhältnissen radikal brechen? Bin ich bereit, auf die Annehmlichkeiten zu verzichten, die das bürgerliche Leben mir verspricht und mein Leben an den Notwendigkeiten der Revolution ausrichten?

Diese Fragen klingen realitätsfern angesichts einer seit Jahrzehnten andauernden Niederlage der Linken. Ich bin aber überzeugt davon, dass diese innere Entscheidung notwendig für die Ernsthaftigkeit, die es für den Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Linken braucht; um die Auseinandersetzungen zu führen, die ich bereits angesprochen habe; um zu verhindern, dass linke Politik eine Identitäts-Phase ist, die irgendwann mit Anpassen an die Verhältnisse, Ausstieg und Entpolitisierung endet. Ich will versuchen auszuführen, was diese Fragen für mich konkret bedeuten.

Revolutionäre Persönlichkeit bedeutet den Glauben daran, dass das Ziel erreicht werden kann, den Willen es auch zu erreichen, die Unterordnung der eigenen Interessen unter die Notwendigkeiten oder die Beschlüsse der Organisation, die Priorisierung der Politik über die bürgerliche Karriere und über den Hedonismus (Alkohol, Drogen, Urlaub etc.) und die individualistische Selbstverwirklichung. Sie bedeutet den politischen Kampf nicht als Hobby aus Profilierungssucht und um Bestätigung zu erhalten zu führen, sondern als Teil der eigenen Persönlichkeit; nicht als Maske, die man nach Feierabend aufsetzt und dann auf Arbeit oder beim Feiern wieder absetzt.

Im Kontext der politischen Praxis verstehe ich darunter auch mit allen Formen des Liberalismus zu brechen: Das verantwortungslose Kritisieren von Einzelnen oder der Organisation hinter dem Rücken der Genoss*innen, statt sich auf den Treffen mit positiven Vorschlägen oder Kritik offen einzubringen; Fehler nicht offen ansprechen, um sich nicht unbeliebt zu machen; an die Gruppe nur Ansprüche stellen, aber von der Gruppendisziplin nichts wissen wollen; statt der politischen Auseinandersetzung Genoss*innen persönlich angreifen und seinem Ärger Luft machen; eigene Fehler nicht korrigieren, obwohl man sie erkannt hat und dadurch eine liberale Haltung sich selbst gegenüber einnehmen und nicht zuletzt: sich für einen alten Hasen halten und sich auf den eigenen vermeintlichen Verdiensten ausruhen.

Mir geht es dabei nicht darum, von Einzelnen mehr Leistung zu fordern, gerade auch mit Blick darauf, dass die Wenigen, die ernsthaft linke Politik betreiben, chronisch überlastet sind. Es geht mir darum, den Kampf für ein gutes Leben als Teil des guten Lebens zu begreifen. Wenn wir es schaffen, zu revolutionären Persönlichkeiten zu werden und eine andere Form von Beziehungen zu unseren Genoss*innen zu entwickeln, dann bietet uns das so viel mehr als der bürgerliche Individualismus.

Wir kommen dadurch aber auch in eine ständige Frontstellung gegen die herrschenden Verhältnisse, weil die Anpassung an das Schlechte dann nicht mehr ohne weiteres möglich ist.
Die Herausbildung revolutionärer Persönlichkeiten befähigt uns zur Selbstverteidigung – ein Begriff, der in der kurdischen Freiheitsbewegung sehr zentral ist. Gemeint ist damit nicht (nur) die physische Verteidigung, sondern das Abwehren ideologischer Angriffe des Feindes, die Verteidigung der eigenen Persönlichkeit gegen die Einflüsse der kapitalistischen Moderne und der eigenen Strukturen gegen die Macht der Entpolitisierung.

Aber selbst wenn wir uns vornehmen diesen großen Kampf zu führen, wo fangen wir an? Ein Mittel, das sich ebenfalls in der kurdischen Freiheitsbewegung bewährt hat, ist das regelmäßige Üben von Kritik und Selbstkritik beziehungsweise Reflektion und Selbstreflektion.

Die Selbstreflektion hilft dabei, alltäglich, das gemeinsame Leben wieder miteinander auszuhandeln, Dinge neu zu justieren und Konflikte zu bereinigen. Aber nicht nur das: Sie ist der Grundstein für eine kollektive Entwicklung und für den Bruch mit der »vom Feind entwickelten Welt der Sozialisation, Beziehungen, Gefühle und Triebe« (A. Öcalan). Sie kann gemeinsame Prozesse voranbringen, Ausdruck der Auseinandersetzung mit und ernsthaften Zuwendung zueinander sein und nicht zuletzt kann sie den Einzelnen dabei helfen, bei der Auseinandersetzung mit sich selbst am Ball zu bleiben, nicht in alte, ungeliebte Muster zurückzufallen und über sich selbst hinauszuwachsen. Mit Muster in diesem Zusammenhang meine ich Verhaltensweisen, die eine Person in ähnlichen Situationen auf eine ähnliche Art und Weise zeigt – nicht auf Grund einer bewussten Entscheidung, sondern auf Grund eines verinnerlichten Verhaltensleitfadens. Zum Beispiel: Jemand reagiert auf Kritik immer auf die gleiche Weise – beispielsweise durch Abwehr, sich als Opfer zu inszenieren oder die Schuld bei anderen zu suchen. Solche Muster, die oft auf eines der genannten Unterdrückungssysteme zurückgehen, zu überwinden, benötigt eine dauerhafte Auseinandersetzung mit ihnen und die Unterstützung des Kollektivs.

Die Kritik verlangt von uns, wenn wir kritisieren, eine liebevolle Grundhaltung und den Willen dazu zu ergründen, warum eine Person sich auf eine bestimmte Weise verhält. Wenn wir Kritik empfangen, verlangt das von uns, sie als Geschenk aufzunehmen, als Ausdruck der Wertschätzung und die Bereitschaft sich mit sich selbst auseinanderzusetzen.

Das Ende der Einsamkeit

Das alles klingt natürlich erst mal nach völlig überhöhten Ansprüchen, nicht realisierbar, mit tausend Schwierigkeiten verbunden, macht uns Angst vor anderen und uns selber und widerspricht dem Leben, das wir zu führen gewohnt sind, fundamental. Ich bin aber davon überzeugt, dass es möglich ist, diesen langen Weg, mit vielen kleinen Schritten, vielen überwundenen Hindernissen, Höhen und Tiefen gemeinsam zu gehen. Ich glaube, dass es in diesem Kampf, der in uns selbst stattfindet, etwas Großes zu gewinnen gibt. Dieser Kampf wird auch dadurch geführt, mit seinen Mitmenschen liebevoll und auf Augenhöhe umzugehen. Er verheißt das Ende der Einsamkeit und der Vereinzelung, das Ende der Angst davor, verstoßen zu werden und das Ende davon, Kraft in unzähligen ungeklärten Konflikten zu verlieren. Er verheißt Kraft für neue Kämpfe, er verhindert Entpolitisierung, er lässt uns eine neue Art von Beziehungen gestalten und macht es uns möglich, uns von Mensch zu Mensch gegenüber zu treten.

Autor: Timo G. ist seit mehreren Jahren in der »Antifaschistischen Linken Freiburg (IL)« organisiert und ist unter anderem im Bereich der Kurdistan-Solidarität aktiv.

Bild: Ein Lichtspektakel, von px4u by Team Cu29.