Mit der Klimakatastrophe kommt der Krieg

Die kapitalistische Herrschaft führt zur Zerstörung unseres Planeten, sagen die Autor*innen dieses Debattenbeitrags. Unsere Antwort müsse die Grundlagen dieser Herrschaft angreifen. Wenn die Krise offensichtlicher wird, hätten wir aber auch die Chance praktisch internationale Solidarität zu üben.

Vom großen Aussterben 

In Europa wird wieder der Aufstand geprobt – Hunderttausende gehen Woche für Woche auf die Straßen, massenhafter ziviler Ungehorsam ist an der Tagesordnung und langsam sogar schwappt die Debatte bis in die bürgerliche Mitte. Diese Rebellion soll ein Aufbäumen gegen das Aussterben sein. Damit ist weder der Krieg im Jemen gemeint, wo 16 Mio. Menschen vom Hunger bedroht sind , noch der Krieg in Syrien, der seit mittlerweile acht Jahren tobt, noch die drohende Eskalation zwischen der USA und dem Iran. Zentrales Motiv sind nicht etwa die halbe Million Menschen, die seit 2001 gezielt in Kriegen getötet wurden, sondern die bevorstehende Auslöschung der gesamten Menschheit. Der Klimawandel scheint momentan alle anderen Themen in den Schatten zu stellen. Das ist erstmal kein Wunder: der gesamte Planet scheint am Abgrund zu stehen. Die Erde steuert ungebremst auf eine Erhitzung zu, die das Leben von Millionen Menschen zerstören wird. Kein Wunder, dass Einige jetzt »alles oder nichts!« rufen. Wir sollen alle anderen Themen in den Hintergrund stellen bis der Planet erst gerettet ist. Dass es so einfach nicht ist, haben große Teile der radikalen Klimabewegung verstanden: Die Klimakrise ist nicht ohne Kapitalismus zu denken. Er ist die Grundlage der rücksichtslosen Zerstörung von Mensch und Natur. Kapitalismus bedeutet Krieg und davon wird es mit der Klimakrise noch mehr geben. Außer wir schaffen es das fossile und das kapitalistische Zeitalter gleichzeitig zu überwinden. Und dafür brauchen wir einen neuen Internationalismus.

Wer hätte es gedacht? Kapitalismus bedeutet Krieg und Zerstörung 

Führen wir uns erstmal vor Augen, was Krieg bedeutet: Flugzeuge, Flotten, Panzer, Menschen, Bomben werden hin und her gefahren, um alles kaputt zu machen, was dem Gegner nützlich sein könnte. Dabei Rücksicht auf die Umwelt zu nehmen wäre nahezu absurd. Das US-Militär hat seit 2001 etwa 1,2 Milliarden Tonnen CO2 in die Luft gepumpt - mehr als die Länder Schweden oder Portugal. Damit gehört das Pentagon zu den größten Klimakillern der Welt. Der Leopard-II-Panzer aus deutscher Wert-Produktion bombt sich wiederum mit einem 1200l-Kraftstoff-Tank durch die Welt. Im Golf von Hormus sollen ganze Flottenverbände den Öltankern den Weg freischießen auf dem unsere fossile Weltwirtschaft basiert. Der Krieg steht sinnbildlich für die rücksichtslose Zerstörung von Menschenleben und Umwelt. Und genau hier sollten wir ansetzen. Unser globales Wirtschaftssystem beruht auf der Beherrschung und Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen. Die Konsequenz ist eine massiv ungleiche Verteilung von Reichtum, die gewaltvoll aufrechterhalten werden muss. Zwar wandeln sich die Formen der Kriegsführung, doch das Ziel bleibt gleich: die Sicherung von Reichtum und Stabilität auf Kosten des globalen Südens. Ganz gleich ob eine saudische Kriegskoalition im Jemen die größte humanitäre Katastrophe unserer Zeit anrichtet oder die Türkei in das revolutionäre Rojava einmarschiert. Ob die EU Tausende im Mittelmeer ertrinken lässt oder »Friedensmissionen« in Mali unternimmt. In den Verteidigungspolitischen Richtlinien Deutschlands klingt das dann so: »Freie Handelswege und eine gesicherte Rohstoffversorgung sind für die Zukunft Deutschlands und Europas von vitaler Bedeutung« . Unter dem Strich geht es um die Aufrechterhaltung einer Herrschaftsordnung, von der einige wenige profitieren. Wenn dann doch Menschen auf die verrückte Idee kommen sollten ein anständiges Leben führen zu wollen, bekommen sie die Konsequenzen zu spüren, seien es Sanktionen, Panzer oder Stacheldraht. Diese blutige Herrschaft über Menschen, Öl, Metalle oder Wasser dient der Befriedigung der eigenen kurzfristigen Interessen. Wer Zugang zu Macht und Geld hat, soll im Kapitalismus entscheiden, was für ihn*sie am geilsten ist – das ist die Grundlage dieser Gesellschaftsordnung. Dabei ist es egal, ob es der Flug zum Safariurlaub in Afrika oder ein schicker E-Scooter ist. Rücksicht auf Menschen oder die Natur, die außerhalb des eigenen Blicks liegt, sind nicht vorgesehen; eine Mitbestimmung aller, die ein gutes Leben aller ermöglicht, sowieso nicht. Dass so die Welt an die Wand gefahren wird, ist kein Wunder.

… und dann kam die Klimakrise 

Heute scheint der gesamte Planet auf eine Katastrophe zuzusteuern: In Russland brennen 4,5 Millionen Hektar Wald, Permafrostböden und Gletscher schmelzen. In Brasilien, Paraguay und Bolivien drohen Brände das Ökosystem Amazonas unwiederbringlich zu zerstören. In Indien sind die Temperaturen dieses Jahr bis auf 50°C gestiegen, 600 Millionen Menschen leiden unter Wasserknappheit. Und sogar in Deutschland sind die Auswirkungen der Klimakrise langsam zu spüren: Einen Temperaturrekord nach dem nächsten, Wald- und Ackerbrände, und alle paar Jahre eine Jahrhundertflut. Das bei nur etwa 1°C Erderhitzung. So wie es jetzt läuft, geht es Richtung 3 bis 4°C Erderhitzung. Die Zeit daran etwas zu ändern wird knapp und die Folgen sind kaum auszumalen. Kein Wunder, dass die politischen Erzählungen immer apokalyptischer werden. Auf der Agenda steht der Klimaschutz - aber erst seit die Folgen auch in Europa langsam spürbar werden (und natürlich dank des Protests von Ende Gelände, Hambi Bleibt und Fridays for Future). Hier spiegeln sich in der Klimakrise die globalen Herrschaftsverhältnisse: Ernstgenommenen wird sie erst, wenn die Auswirkungen nicht nur die Peripherie betreffen. Diejenigen, die schon viel früher von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen waren, werden nicht gehört. Sie haben auf der politischen Bühne kaum eine Stimme. Diese Ausgrenzung hat System: Dürren in Westafrika müssen Europa nicht kümmern, solange die EU Grenzzäune südlich der Sahara baut. Untergehende Inseln im Pazifik bedrohen diese Wirtschaftsordnung nicht, solange die Geflüchteten auf Gefängnisinseln vor Australien versauern. Schon jetzt müssen 26 Millionen Menschen jährlich vor den Folgen der Erderhitzung flüchten . Die Antwort des Westens lautet darauf Abschottung. Diejenigen, die die Klimakrise am wenigsten verursacht haben, können sich jetzt am wenigsten davor schützen. Dummerweise sind sie dann auch noch am stärksten von deren Auswirkungen betroffen.

Krieg macht Krise macht Krieg 

Die Klimakatastrophe ändert an den globalen Herrschaftsverhältnissen nichts, die diese verursacht haben. Westliche Staaten und Kapitalbesitzer*innen werden sich weiter mit Gewalt den Zugang zu immer knapper werdenden Ressourcen sichern. Die Konflikte um die verbliebenen Lebensgrundlagen werden zunehmen, immer mehr Menschen werden fliehen müssen, immer weniger Menschen werden Zugang zu Essen und Trinken haben. Doch die Qualität der Gewalt wird sich ändern. Die Kriege der letzten Jahrzehnte waren der Effekt einer ungleichen Verteilung von Ressourcen auf einem Planeten, der genug geboten hat, damit alle Menschen ein anständiges Leben führen könnten. Wie werden die Kriege aussehen, wenn nur noch genug da ist, um einer kleinen Minderheit ein anständiges Leben zu bieten? Der globale Norden wird immer höhere Zäune bauen müssen und immer mehr Kriege führen, um seine Herrschaft über immer knapper werdende Ressourcen halten zu können. Das Ergebnis zunehmender Lebensmittel- und Wasserknappheit werden weitere Bürgerkriegsregionen, wie aktuell in Syrien, Mali und dem Tschad . Vielleicht gelingt es auch ab und an mal eine Diktatur im Sattel zu halten, um die Unterdrückung der Menschen lokal zu organisieren. Solange sich an der Verteilung von Macht und Rohstoffen nichts ändert, wird Klimaschutz nur der Schutz einiger weniger vor einer frei drehenden Natur sein. Wenn die CSU sagt, Klimaschutz müsse Spaß machen, dann zeigt sie nur, dass sie unser System verstanden hat: Im Kapitalismus zählt das Eigeninteresse immer mehr als das Gemeinwohl. Es ist ok, wenn 90% der Menschen verrecken, solange die Mächtigen 10% ihren Spaß haben. So wird auch im grünen Kapitalismus weiter nach unten getreten, anstatt gemeinsam Lösungen zu finden, die allen ein gutes Leben ermöglichen. Es werden eher die einen mit Elektro-Autos fahren und die anderen laufen müssen, als dass wir es schaffen uns gemeinsam in eine Bahn zu setzen.

Unsere Chance: Internationale Solidarität 

Wenn wir über die Klimakatastrophe reden, dürfen wir also den Kapitalismus niemals aus dem Blick verlieren. Ein System, dass auf die Zerstörung von Mensch und Natur setzt, kann keine sinnvolle Antwort auf die Zerstörung von Mensch und Natur geben. Krieg, Armut und Ausgrenzung werden innerhalb dieses Systems nur schlimmer. Wenn immer mehr Gewalt gebraucht wird, um die Herrschaftsordnung aufrechtzuerhalten, ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass die autoritären Tendenzen von Gauland bis Seehofer stärker werden. Wenn wir ernsthaft ein gutes Leben für alle wollen, dann müssen wir solidarisch an der Seite derer stehen, denen die Chance auf ein gutes Leben genommen wird. Wenn das Problem die Herrschaft der Einen über die Lebensgrundlagen aller ist, muss die Antwort eine kollektive sein. Wenn diese Herrschaft über Kriege und Grenzen zementiert wird, dann muss unsere Antwort auch dort ansetzen. Wir müssen die Grundlagen eines Systems angehen, dass die Zerstörung unserer Welt vorantreibt. Wenn wir ernsthaft eine befreite Gesellschaft ohne Kriege erkämpfen wollen, müssen wir uns heute in die Klimakämpfe einmischen. Die Zerstörung unseres Planeten wird die Chance auf eine Gesellschaft im Frieden zunehmend untergraben: Wer etwas gegen den Klimawandel tun will, muss etwas gegen die Kriege tun. Wer etwas gegen die Kriege tun will, muss etwas gegen den Klimawandel tun. Um Antworten auf die Klimakrise zu finden, müssen wir die internationale Solidarität hochhalten. Wir erleben eine Krise des Kapitalismus, die global zu spüren ist. Es organisiert sich globaler Widerstand, an den wir anschließen müssen. Die Klimakrise wird immer schwerer an die Peripherie zu drängen sein. Die ungebremste Klimakatastrophe wird an niemanden spurlos vorbeigehen, selbst am globalen Norden nicht. Der Meeresspiegel steigt, die Grenzen müssen fallen. Die globale Krise des Kapitalismus ist offensichtlich. Es liegt an uns für die offensichtliche Lösung zu kämpfen: Einen globalen Kommunismus.

Autor*innen: Zora und Tobias sind aktiv im Bündnis »Rheinmetall Entwaffnen« und der AG Krieg & Frieden der IL Berlin. Sie meinen, dass die Auswirkungen des krisenhaften Kapitalismus nicht getrennt voneinander betrachtet werden dürfen.

Bild: militärisches Equipment im Testflug