Kyra lebt seit Mitte letzten Jahres in Rojava und ist in der Interventionistischen Linken organisiert. Sie macht unter anderem Medienarbeit. Jan aus der Debattenblog-Redaktion ist in Deutschland in der Kurdistan-Solidarität aktiv und hat mit ihr über die aktuelle Lage in Rojava und Unterstützungsmöglichkeiten für deutsche Linke gesprochen. Kyra analysiert die diplomatischen Prozesse in Syrien und der Türkei, und spricht über Fehler, die in Rojava gemacht wurden.
Jan: Kyra, du lebst seit einigen Monaten in Rojava. Seit Anfang des Jahres gibt es dort sehr große Umbrüche, der Soziologe Christopher Wimmer spricht vom Ende der Selbstverwaltung in ihrer bisherigen Form. Andere sprechen von einer neuen Phase der Revolution. Wie siehst du das?
Kyra: Ich würde zustimmen, dass in Rojava nun eine andere Phase eingetreten ist; eine Phase, die wir noch nicht kennen. Das ist nicht das Ende der Revolution. Aber es ist auf jeden Fall eine riesengroße Veränderung, gerade für das Territorium der Selbstverwaltung. Raqqa und Deir ez-Zor sind in die Hände der HTS gefallen. Dieser Krieg war ein Krieg um die Existenz, und er hat seine Spuren hinterlassen. Die Namen von etwa 3000 Gefallenen wurden noch nicht bekannt gegeben, es befinden sich immer noch viele Geiseln in den Händen der HTS, und vorbei ist der Krieg auf vielen Ebenen nicht. Ein neuer Versuch der Integration in den syrischen Staat hat das Ende des Krieges eingeleitet. Seit dem Abkommen vom 10. März 2025 wurde so eine Integration ja versucht, doch dann haben die Verhandlungen gestockt und die islamistische Übergangsregierung wollte mit dem Krieg durchsetzen, dass es die Selbstverwaltung nicht mehr gibt. Das hat nicht geklappt. Jetzt gibt es eine neue Runde von Verhandlungen und den Versuch, den Weg der demokratischen Integration, den die kurdische Bewegung vorschlägt, zu gehen. Auf der einen Seite gibt es große Unsicherheiten, zum Beispiel, wie die Zukunft der autonomen Fraueneinheiten YPJ aussehen wird. Für die Selbstverwaltung ist klar, dass die autonomen Fraueneinheiten bleiben sollen, aber die HTS sieht es als Bedingung, dass es diese autonome Frauenstruktur nicht mehr gibt. Auf der anderen Seite wird viel Wert darauf gelegt, einen normalen Alltag in Rojava wieder zu ermöglichen. Die Schulen haben sehr schnell wieder geöffnet, Newroz wurde groß gefeiert.
Jan: Das kurdische Neujahrsfest im März.
Kyra: Genau. Trotz der Gefahr von IS-Schläferzellen sind viele Leute zusammengekommen. Newroz war sogar zum ersten Mal in der Geschichte Syriens ein offizieller Feiertag. Das ist eben auch ein Zeichen, dass Integration nicht Assimilierung, sondern Beidseitigkeit bedeutet.
Jan: Wie stark stehen denn die feministischen Errungenschaften Rojavas unter Beschuss?
Kyra: Die Frauenbefreiung ist der Kernpunkt vom Projekt der Selbstverwaltung, den die HTS am stärksten angreift. Im Integrationsprozess ist es eine große Schwierigkeit, dass die Gesellschaft einerseits diesen Prozess durchsetzen will – damit es keinen Krieg mehr gibt, damit vertriebene Menschen zurückkehren können, und damit diese unnatürliche Grenze zwischen Rojava und Syrien verschwindet. Das ist ein intrinsisches Ziel der Selbstverwaltung und der Menschen hier. Aber um das zu erreichen, müssen wir andererseits in irgendeiner Weise eine Koexistenz mit dieser zutiefst frauenverachtenden Regierung finden. Die Selbstverwaltung hat viele Zugeständnisse beim Thema Ölvorkommnisse gemacht, um bei anderen Themen Verhandlungsspielräume zu haben. Der Fortbestand der autonomen Frauenorganisierung wie die Einheiten der YPJ ist für die Selbstverwaltung eine rote Linie. Wegen dieses Streitpunkts ist sich hier niemand sicher, ob diese Verhandlungen erfolgreich sind. Aber fest steht, dass Kompromisse die rote Linie nicht überschreiten dürfen.
Jan: Ich finde es interessant, den Integrationsprozess in Syrien mit dem Friedensprozess in der Türkei zusammenzudenken. Der läuft ja seit 2024 – viele haben die Auflösung der PKK mitbekommen, die Niederlegung der Waffen, und vieles mehr. Nun ist der türkische Staat am Zug, so heißt es in der Presse. Auch für die Selbstverwaltung in Syrien spielte Diplomatie eine große Rolle, beispielsweise waren wichtige Vertreter*innen der Selbstverwaltung auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Glaubst du, wir können uns darauf einstellen, dass stärker in Richtung Völkerverständigung, Diplomatie und Friedensprozesse navigiert wird?
Kyra: Das ist auf jeden Fall das Ziel der kurdischen Bewegung, dass die Waffen schweigen. Was die Bewegung gerade in der Türkei versucht, ist die Strategie der demokratischen Integration, so wie in Syrien: Sprachrechte, Kulturrechte, Autonomierechte, etc., aber keine Ausgliederung aus dem Staat. Auch der Krieg in Rojava im Januar war auf jeden Fall gegen den Plan der Bewegung. Durch ihn stand der Friedensprozess in der Türkei sehr auf der Kippe. Ansonsten ist ein Problem im Friedensprozess in der Türkei, dass es zwei Linien im türkischen Staat gibt: Erstens die ultranationalistische MHP, die Stellung der Türkei als Regionalmacht im Mittleren Osten sichern wollen. Um diese Hegemonialstellung zu sichern, möchte die MHP die Front mit den kurdischen Kräften abbauen. Zweitens gibt es Erdogans AKP, die mehr an ihrer eigenen Machterhaltung interessiert ist. Die Linie Erdogans ist ein großes Hindernis im Friedensprozess. Die Hand für den Friedensprozess ausgestreckt hatte ja der Deep State rund um die MHP (die fest verankerten autoritären türkischen Institutionen, Anm. d. Red.)! Von Seite der kurdischen Bewegung wurden fast alle Schritte gemacht, aber der türkische Staat hat sehr, sehr wenig Zugeständnisse gemacht. Frieden ist eben schwieriger als Krieg – ein Satz von Öcalan, der hier aktuell viel zitiert wird. Über 40 Jahre bewaffneter Kampf haben aber gezeigt, dass sich der Staat nicht einfach durch bewaffneten Kampf überwinden lässt.
Jan: In Rojava gab es in den letzten Monaten einige Probleme: Arabische Menschen berichteten von Diskriminierung durch die Selbstverwaltung. Auch wurden manche Konzepte des demokratischen Konföderalismus mangelhaft umgesetzt. Beispielsweise wird kritisiert, dass oft nicht basisdemokratische Strukturen, sondern Parteikader im Hintergrund die Fäden ziehen; die paritätische Besetzung von Bürgermeisterämtern mit einem Mann und einer Frau wurde stellenweise nicht umgesetzt. Aufgrund der türkischen Angriffe war das Trinkwasser verunreinigt, was viele Krankheiten verursachte. In der deutschen Linken gibt es ja oft sehr romantisierte Vorstellungen von Rojava als gelebte Utopie.
Kyra: Ich finde es auch sehr wichtig, Rojava nicht zu idealisieren. Seit es Rojava gibt, ist diese Region im Kriegszustand, und es gibt ein Embargo. Unter diesen sehr schwierigen Umständen wurden in der Politik einige Fehler gemacht, eine große Phase der Selbstkritik steht an. Auch in den arabischen Gebieten wurden viele Fehler gemacht. Es ist nicht gelungen, die Gesellschaft ausreichend zu demokratisieren, nachdem der IS besiegt wurde. Das ist ein Grund dafür, warum Raqqa und Deir ez-Zor so schnell gefallen sind. Allgemein herrschten in diesen Gebieten sehr schwierige Bedingungen, die Gesellschaft ist von Assad und vom IS stark traumatisiert, und es existieren extrem problematische Männlichkeitsbilder. Inzwischen wird die Spaltung zwischen kurdischer und arabischer Bevölkerung von der HTS stark fokussiert. So entsteht aktuell auch viel kurdischer Nationalismus und Misstrauen gegenüber Arabern, was ebenfalls ein Problem ist. Doch es gibt auch Menschen, die dagegenhalten. Beispielsweise kamen in einigen Städten Rojavas die arabischen Frauenräte geschlossen in kurdischen Kleidern zu den Newrozfeiern, um ihre Solidarität auszudrücken.
Jan: Eine abschließende Frage: Uns als radikale Linke in Deutschland beschäftigt die Situation in Rojava natürlich. Die deutsche Regierung möchte Syrien schnellstmöglich als sicheren Herkunftsstaat deklarieren, um Menschen abzuschieben. Es gibt verschiedene Unterstützungs- und Protestformen; du hast dich entschieden, als Internationalistin nach Rojava zu reisen. Was ist deiner Ansicht nach eine sinnvolle Form der Solidarität mit Rojava für Linke in Deutschland?
Kyra: Internationalismus ist grundlegend für den Erfolg unserer Kämpfe. Die kurdische Bewegung ist eine der wenigen, die seit 50 Jahren für die Überwindung der Verhältnisse kämpft, ohne von Grund auf korrumpiert zu werden, sie konnte sich immer wieder selbst erneuern. Allein davon können wir viel lernen. Möglichkeiten der konkreten Unterstützung gibt es einige: Dagegenhalten bei der tendenziösen Berichterstattung über Al-Sharaa ist wichtig, und eigene Mediennetze aufbauen. Auch Projekte wie Solardarity können an konkreten Stellen wichtige Hilfe leisten. Die Unterstützung der YPJ wird zudem in der nächsten Zeit eine große Rolle spielen.
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