Die brennende Pyramide


Ein Reisebericht aus Chiapas

Im August 2025 reiste eine Delegation der Interventionistischen Linkem in den lakadonischen Urwald in Chiapas, Mexiko, um am Encuentro de las Resistencias y Rebeldías "Algunas Partes del Todo" (dt. Treffen der Widerstände und Rebellionen "Einige Teile des Ganzen") teilzunehmen (1). Zu dem Treffen eingeladen haben die Zapatistas, eine indigene Bewegung, die ab dem 01.01.1994 in einem bewaffneten Aufstand ihr Land und ihre Autonomie zurück erkämpften. Seit über 31 Jahren leben die Zapatistas daher unabhängig vom Staat und haben Strukturen der Selbstverwaltung für schätzungsweise 360.000 Menschen aufgebaut.


Treffen der Widerstände

Zwei Wochen lang durften wir von den Zapatistas und internationalen Aktivist*innen lernen, uns austauschen, von unserer Praxis berichten (2) und Eindrücke sammeln, die wir mit hierher – ins Herz der Bestie – und zu euch und unseren Kämpfen zurücktragen. Im Fokus dieses Treffens stand die Veränderung der Organisierung der Zapatistas, die sie Ende 2023 verkündet hatten. Die zivilen Strukturen und die Entscheidungsprozesse wurden grundlegend überarbeitet. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im Folgenden wollen wir einige Aspekte aufgreifen, die nicht nur zentral für die neue Organisierungsform der Zapatistas sind, sondern auch uns und euch wertvolle Impulse geben können.

Die Pyramide und die neue Struktur

In den Beiträgen der Zapatistas zu ihrer Organisationsstruktur wurde häufig das Bild der Pyramide verwendet. So diente eine aus Holz errichtete Pyramide auf dem Gelände als Anschauungsbeispiel für die Unterdrückung in der kapitalistischen Gesellschaft. Sie repräsentiert all das Schlechte, das durch die hierarchische, ausbeuterische Regierung des Staates und des Kapitalismus als Ganzem passiert. Die Nachricht ist klar: "Die da oben haben die Macht und das Geld; Wir, da unten, werden ausgegrenzt, ausgebeutet und ermordet!". Genau diese ungerechten Strukturen waren der Ausgangspunkt als die Zapatistas zu den Waffen griffen, um sich zu wehren. Doch die Zapatistas errichteten unbewusst eine Pyramide in ihren eigenen Strukturen, weil sie sich im Aufbau ihrer Organisierung an dem orientierten, was sie kannten: die hierarchische Ordnung der kapitalistischen Gesellschaft. Bis 2024 gab es die Juntas del Buen Gobierno, das entscheidende Organ der kollektiven Verwaltung. Vieles lief in dieser Form der Selbstverwaltung gut, es gab jedoch auch Machtmissbrauch und Korruption. In Reaktion darauf unterzogen die Zapatistas die eigenen Strukturen einer gründlichen Reflexion und strukturierten sich um. Das Bewusstsein der Notwendigkeit einer konsequenten Selbstbeobachtung und -kritik ermöglichte diesen Prozess.

Den Beginn der Umstrukturierung stellten die Zapatistas besonders symbolträchtig dar: Sie zündeten die Pyramide an. Banner für Banner, Holzpfeiler für Holzpfeiler ging in Flammen auf. Einige Zapatistas rissen die Pyramide mit vereinter Kraft zu Boden (3). Mit dem Einreißen der alten Organisierungsform wurde den zwölf Juntas del Buen Gobierno die Macht symbolisch genommen und der Basis übergeben. Die autonome Selbstverwaltung ist nach wie vor in den zwölf Zonen, den Caracoles, organisiert. Diese Zonen sind in mehrere Regionen (span.: municipios) unterteilt, welche wiederum eine Anzahl an GALs - Gobiernos Autónomos Locales (dt.: lokale autonome Regierungen) zusammenfassen. Dies ist die Ebene der Dörfer, auf der nun alle relevanten Entscheidungen getroffen werden. In einer Erklärung zu den neuen Strukturen heißt es: Die zapatistischen GAL sind der Kern, das Zentrum der gesamten zapatistischen Autonomie. Sie werden koordiniert durch die autonomen Beauftragten [agentes] und autonomen Bevollmächtigten [comisariados]; sie unterstehen der Vollversammlung des Pueblo [...]. Jede GAL kontrolliert selbst ihre autonomen organisativen Ressourcen (wie Schulen und Kliniken), wie auch die Beziehungen zu benachbarten nicht-zapatistischen Geschwister-Pueblos. […] Auch wird sie eine mögliche schlechte Verwaltung, Korruption oder Fehler ausfindig machen und anprangern. Und sie wird wachsam sein gegenüber denjenigen, die sich als zapatistische Verantwortliche ausgeben wollen, um damit Unterstützung oder Hilfen zu erbitten, welche sie dann zu ihrem eigenen Nutzen verwenden (4).

Die Basis entscheidet jetzt direkt über die Themen, die sie betreffen und für die die Junta oft nicht ansprechbar war. Frauen (5) und Jugendliche haben zudem eigene Entscheidungsstrukturen. Diese Vollversammlungen der CGAZ sind die Asambleas de Colectivos de Gobiernos Autónomos Zapatistas (dt.: die Vollversammlungen der Kollektive der Zapatistischen Autonomen Regierungen) und ersetzen das, was wir als die Junta del Buen Gobierno kannten. Dort sitzen nicht mehr Delegierte mit Entscheidungsbefugnissen, sondern mandatierte Personen mit dem expliziten Auftrag, Anliegen und Informationen weiterzugeben, Fragen zu stellen und den Austausch zwischen den verschiedenen Orten sicher zu stellen, um dann alles vor dem GAL zu berichten. Zwar haben die Menschen dadurch deutlich mehr Möglichkeiten, sich zu beteiligen, jedoch bedeutet das auch mehr Arbeit und Verantwortung für die GALs.

Was nehmen wir mit?

Nach zwei Wochen in den Bergen sitzen wir wieder im Bus und verlassen die Berge und den Urwald. Wir sind nachdenklich, aber auch gestärkt von dem zapatistischen Gedanken einer starken gemeinsamen Organisierung, dezentral, von unten und von links. Dank der seit über 30 Jahren bestehenden, kollektiven Organisierung konnten die Zapatistas eine reale Alternative zum kapitalistischen System aufbauen. Das gibt uns Mut und Zuversicht.

Was uns beeindruckt und nachdenklich gemacht hat, ist die Selbstverständlichkeit, mit der sich die Zapatistas als Rebell*innen sehen und was für einen großen Teil ihrer Identität das einnimmt. Dahingegen nehmen wir unsere Gesellschaft oft als viel zu eingenommen von Individualisierung, Ausgrenzung und Abwertung wahr. Der Neoliberalismus hat sie fest im Griff. Eine kollektive Lebensgestaltung über die Grenzen der Kleinfamilie hinweg oder die Organisierung in einer emanzipatorischen, selbstverwalteten Gruppe ist für die meisten Menschen unvorstellbar, anstrengend und scheinbar unnütz. Auch in der radikalen Linken Deutschlands merken wir immer wieder, wie wir alle vom kapitalistischen System eingenommen sind. Wie groß ist das Rebell*innentum in uns, wie langanhaltend und wie weitreichend? Hört es mit dem Beginn eines neuen Lebensabschnitts schon wieder auf? Hat es überhaupt die Möglichkeit, sich zu entwickeln oder schaffen wir das zwischen 40-Stunden-Woche, Zurechtkommen und Bequemlichkeit gar nicht erst? Die Notwendigkeit, die gesellschaftlichen Zustände zu verändern, scheinen bei uns nur wenige zu verspüren. Vielleicht liegt es auch daran, dass der Staat – für die meisten Menschen – immer noch relativ viele Sicherheiten bietet? Viele landen vergleichsweise weich. Dennoch: Diskriminierung, Militarisierung und Aufstieg des Faschismus werden immer größere Gefahren. Zur Erhaltung der Vermögens- und Machtverhältnisse reißt der Staat immer größere Lücken in die Versorgung seiner Bürger*innen und so werden Prekarität und Elend immer größer.

Wie die Zapatistas durch die Besetzung von Land oder den Aufbau eines Gesundheits- und Bildungssystems Lücken des staatlichen Versagens gefüllt haben, können wir auch hier Lücken füllen, wo der Staat versagt. Zwar werden wir in absehbarer Zukunft kein eigenes Bildungssystem o.ä. aufbauen, aber wir können für ein gutes Leben für alle kämpfen, gegen die Vereinzelung und gegen das Ausgeliefert sein. Wir bauen kollektiven Widerstand auf, wo Einzelne die Vielen unterdrücken, nur damit sie selbst mehr Macht, Einfluss oder Kapital haben. Wir ermöglichen Selbstwirksamkeit, Handlungsfähigkeit und Gemeinschaft. In einigen Kämpfen wird das bedeuten, dass wir uns – wie die Zapatistas – anhand der materiellen Bedingungen organisieren. In anderen Kämpfen wird das konkreter Widerstand auf den Straßen sein. Wichtig ist: Diese Kämpfe gehören zusammen. Sie gehen in die gleiche Richtung, verfolgen das gleiche Ziel, auch wenn sie unterschiedliche Wege nutzen. Wir brauchen sie alle. Denn wenn wir die Lücken nicht füllen, übernehmen das die Rechten. Das gilt auch auf räumlicher Ebene. Die Zapatistas haben sich die Flächen, Gebäude und Felder als Grund(lage) ihrer Organisierung erkämpft. Nur so war es möglich, Tausende aus aller Welt einzuladen und zusammenzubringen. Linke Räume gibt es auch in Deutschland, aber zu wenig, zu prekär und manchmal zu szenig. Wir finden es sinnvoll, die Frage nach fest etablierten, linken Räumen wieder mehr zu diskutieren. Sowohl in Anbetracht der steigenden Gefahr von rechts als auch mit Blick auf nachbarschaftliche Treffpunkte und Organisierung im Kiez.

Nach dem Treffen hat uns auch die Rolle der Geschichte viel beschäftigt. Die Zapatistas schauen selbstkritisch auf ihre Geschichte, lernen von ihren Vorfahren und deren Kämpfen. Diesen Umgang mit der eigenen Geschichte selbst mehr zu pflegen, würde uns bestimmt gut tun. Mehr über unsere eigene widerständige Geschichte zu lernen, ist nicht nur wichtig, um aus Fehlern und Erfolgen lernen zu können, sondern auch, um ein kollektives Bewusstsein zu schaffen. Auch nehmen wir die Notwendigkeit mit, unsere Arbeit, unsere Strukturen und Prozesse stets zu hinterfragen und diese einer schonungslos ehrlichen Selbstkritik zu unterziehen. So offen zu Fehlern zu stehen und sich fragend und suchend stetig zu verändern, das ist eine Fähigkeit, die uns tief bewegt hat.


Anmerkungen

Hierbei handelt es sich um einen stark gekürzten Bericht. Eine längere Version ist auf der Website der Interventionistischen Linken zu finden.

1) Die Einladung zum Treffen findet ihr hier.

2) Bei unserer Präsentation ging es vor allem um die aktuelle politische Lage in Deutschland (Einhegung von Klimaprotesten und feministischen Kämpfen, Rechtsruck, Autoritarisierung und Repression). Außerdem um die Vorstellung der Interventionistischen Linken, größerer Projekte von uns, wie zum Beispiel Rheinmetall Entwaffnen, Widersetzen, We'll come United. Die Hervorhebung von lokalen Unterschieden und unterschiedlichen Herangehensweisen, z.B. an der Basis ansetzen oder auf große Aktionen setzen. Abgeschlossen haben wir mit grundsätzlichen Fragen und Zweifeln zu unserer Organisierungsform.

3) Von dieser eindrücklichen Szene könnt ihr euch hier selbst ein Bild machen.

4) Hier gibt es eine detaillierte Erläuterung der neuen Strukturen auf Deutsch

5) Hier wird von Frauen gesprochen, bei uns würde es wahrscheinlich Flinta* heißen. Bei den Zapatistas wird oft auch gender-inklusiv gesprochen und geschrieben. Menschen jenseits von Mann und Frau werden Otr@s (gesprochen: Otroas) genannt und die gegenderte Variante von Compañeros ist Compañer@s (gesprochen: Compañeroas).


Bildnachweis: Debattenblog