Unmögliche Politiken.


Eine Reise, eine Demonstration, ein Begehren.

In diesem Jahr wird sich eine Delegation der EZLN (Ejército Zapatista de Liberación Nacional) auf einer Reise um die Welt begeben. Eine Vorhut ist bereits in Europa. Am 13. August jährte sich das Massaker der Spanischen Krone an der Bevölkerung des heutigen Mexiko-Stadt zum 500. Mal - und wurde zum Tag einer Demo in Madrid. Was die Ziele der Reise sind, was sie für eine bundesdeutsche Linke bedeuten kann und sollte, wie die Vorbereitung und Mobilisierung verliefen, davon berichtet hier Timo.

Selten gibt es im Vorfeld eines Tages die Gewissheit, dass dieser ein historischer Tag werden wird. Ob er darüber hinaus auch zu einem historischen Ereignis wird, hängt indes von der Organisierung, der Umsichtigkeit und Verbindlichkeit sowie dem Miteinander und dem geteilten Begehren ab. Es hängt auch von dem kollektiven Resonanzraum ab, den es zu schaffen gilt. Zwar kann die Resonanz nicht im Vorhinein bestimmt werden, da sie eine Frage von Sensibilitäten und Stimmungen ist, aber die Ausgestaltung des Raumes, in dem sie sich artikuliert, lässt sich planen.

Der 13. August 2021 verdient solch ein Attribut des Historischen, weil er eine historische Gewalt und eine historische Rebellion markiert. Das Datum steht symbolisch für Kolonialisierung und Widerstand, für Unterwerfung und Erhebung, für Tod und Leben. An diesem Tag jährte sich zum 500. Mal das Massaker, das am 13. August 1521 die Spanische Krone an der Bevölkerung von Tenochtitlán, dem heutigen Mexiko-Stadt, verübt hatte.

Dieser historische Tag hätte zusätzlich zu einem Ereignis werden können. Seit Herbst letzten Jahres steht fest, dass sich die Zapatistische Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) zu diesem Zeitpunkt und in irgendeiner Form in Europa aufhalten wird und den 13. August 2021 in Madrid begehen möchte. Der 13. August 2021 wurde folglich in Madrid begangen, dem damaligen Zentrum der Spanischen Krone und noch immer Ort und Symbol für Kolonialismus und Kapitalismus. Madrid war vieles und zugleich wenig. Aus organisatorischer Perspektive gab es einen ungewöhnlich langen Zeitraum, sich auf den unterschiedlichsten Ebenen - Madrid, Spanien, Europa - auf dieses Datum vorzubereiten. Dieses organisatorische Polster wurde vertan.

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Die öffentliche Mobilisierung für die Demo lief zu spät an. Erst kurz zuvor gab es ein Plakat, mobilisiert wurde fast ausschließlich über Social Media; es gab keine existierende Stimmung, weder in der Stadt noch im alternativen Viertel Lavapiés, von wo aus vieles organisiert wurde und in dessen Angrenzung die Demo erfolgte. Die Vorbereitungen für die Delegation und die Demo verließen kaum die eigenen, kleinen, übersichtlichen Räume, weder in Madrid, noch in Frankfurt am Main oder in Deutschland. Am Ende waren in der Millionenmetropole lediglich, hoch geschätzt, 3000 Menschen auf der Straße (ausführlichere Berichte der Demo gibt es von Münsteraner Genoss*innen auf Deutsch und von iranischen Genoss*innen auf Spanisch nachzulesen).

Der Tag zeigte die Ungleichzeitigkeit auf, in der Notwendigkeiten und Wünsche, Verabredungen und Wege stecken, und in der sich eine Diskrepanz zwischen den Räumen und Positionen verdeutlicht, genauer gesagt, zwischen der EZLN und ihren europäischen Sympathisant*innen. In dieser Hinsicht war der 13. August ein zwischenzeitlicher Kassensturz für die zapatistische Reise. Wo also stehen wir?

Eine unmögliche Reise

Vergangenen Oktober verkündeten die Zapatistas, eine Delegation in die Welt zu schicken, deren erstes Ziel Europa sein würde. Zum 1. Januar 2021 wurde eine Erklärung für das Leben veröffentlicht, unterschrieben von tausenden Gruppen, Organisationen, Einzelpersonen, Zusammenhängen, darunter auch die interventionistische Linke. Die EZLN schickte eine Vorhut, das Geschwader 421, um auf maritimen Weg Europa zu erreichen. Nach fünf Wochen Atlantiküberfahrt auf einem deutschen Segler, Baujahr 1902, erreichte die Gruppe am 20. Juni europäisches Festland. Das Geschwader 421 besteht aus vier Frauen, zwei Männern, und einer*einem Anderer*m bzw. otroa im zapatistischen Sprech. Marijosé, die*der otroa, betrat als erste*r Zapatista europäischen Boden. Marijosé war die*der erste*r Zapatista, die*der gesprochen hat. Dass eine*r Andere*r diesen zentralen Platz in dieser zapatistischen Kampagne einnimmt, ist kein taktisches Manöver oder Ausdruck eines Diskurses en vogue. Die EZLN steht seit ihrem öffentlichen Auftreten für einen Gesellschaftsanspruch, der über alle identitären Grenzen hinweg einschließend, divers und offen ist.

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Eine Reise dieser Gestalt und Dimension zu organisieren, ist Teil des Begehrens der EZLN, das Unmögliche möglich zu machen. Allein der Umstand, dass eine Organisation wie die EZLN, in ihrer überwiegenden Mehrheit Indigene der verschiedensprachigen Maya-Gruppen, eine politische Reise nach Europa beabsichtigt, um die Geschichte gegen den Strich zu kämmen, ist ein Novum und eine scheinbare Unmöglichkeit. Unmöglich, weil die Eroberten zu den Eroberern reisen und ihnen verkünden, dass sie nicht besiegt worden sind. Unmöglich, weil die Ausgeschlossenen vom System den Menschen im Herzen der Bestie ein Angebot für eine gemeinsame Zukunft unterbreiten.

Unmöglich gleichermaßen, eine Reise unter den Gegebenheiten der herrschenden Realität zu absolvieren. Das bedeutet, Namen und Identitäten von Mitgliedern einer antisystemischen und verfolgten Organisation preiszugeben, um Pässe erhalten zu können. Ein Umstand, der angesichts der Präsenz von Militärs, Paramilitärs, organisiertem Verbrechen und Polizei in Chiapas und Mexiko, ein erhebliches Risiko für die betreffenden Personen und die Organisation an sich mit sich bringt. Und dennoch sollten weitere Hürden folgen: die der restriktiven Einreisepolitik Frankreichs, die eine Re-Organisation der Reisepläne notwendig machte, obwohl die Delegierten schon längst in Europa hätten sein sollen. Trotz der Widrigkeiten sind sie unmöglicherweise auf dem Weg zu uns.

Ihre Reise für das Leben ist also gleichermaßen eine Reise der Ungewissheit für das eigene Leben. Es ist demnach nur folgerichtig - und ebenfalls Ausdruck der ernsthaften Verantwortungsübernahme für jede*n Einzelne*n von ihnen seitens der EZLN - dass sie sich von den vorbereitenden europäischen Strukturen die höchstmögliche planerische Klarheit und Verbindlichkeit erhoffen.

Die Widersprüche beginnen eher

Aber wie geht es uns mit dem Verhältnis zum Unmöglichen? Es ist auch die Schwäche europäischer sozialer Bewegungen und Organisierungen, die nicht in der Lage sind, einen gesellschaftlichen Druck zu erzeugen, der die Hürde rassistischer Einreiseregelungen der französischen Regierung überspringen ließ. Trotz der massenhaften Präsenz von Strukturen unter der Erklärung für das Leben stellt sich für uns die Frage, wie viel wir zur Herstellung dieses Drucks auch tatsächlich versucht und selbst in die Waagschale geworfen haben. Auch die ausgebliebene europäische Mobilisierung für den 13. August sagt etwas darüber aus. Es gab keinen geschaffenen Resonanzraum und auch nicht den ernsthaften Versuch dafür. Die europäische Beteiligung und Präsenz in Madrid fiel überschaubar aus, weil es zwar eine europäische Vorbereitungsstruktur gibt, wir die Reise der EZLN für uns aber nicht zum Anlass nehmen, uns gemeinsam auch auf europäischer Ebene real zusammen zu finden, zu formieren und gemeinsame Ansätze und ein gemeinsames Verstehen unserer europäischen und deutschen Wirklichkeit auszuarbeiten. Unser vorbereitender Prozess bleibt daher notwendigerweise begrenzt: er ist allein die Erledigung einer an uns gestellten Aufgabe.

Der Umstand monatelanger Unklarheit über Größe, Ankunft, Reiserouten und deren konkrete Konfiguration waren nicht nur dem oben beschrieben Problem der Pässe geschuldet, sondern auch der Schwierigkeiten in Europa, mit wenigen Tagen bis Wochen Vorlauf, die Delegation coronatauglich und angemessen unterzubringen, den Transport quer durch die Länder und deren Versorgung und Sicherheit zu organisieren. Fast nichts davon lässt sich planen, ohne über Größe, Zeit und Länge genauer Bescheid zu wissen. So ist die Realität ohne eigenes Territorium, so ist unsere Realität als marginale Linke in den Metropolen. Die Schwierigkeiten stellen Fragen nach gegenseitigem Verständnis als Grundlage, aber auch nach dem Wert und der Bedeutung und unserem eigenen Verhältnis zu dieser Delegation.

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Denn letztlich stellt sich für uns die unweigerliche Frage: Nach welcher Analyse unserer Realität handeln wir wie? Und sind wir in der Lage, diese unsere Realität jenen zu vermitteln, die sie nicht kennen? Wie gehen wir mit unterschiedlichen Planungsansätzen um? Vor allem dann, wenn auch der Einsatz der daran Beteiligten derart variiert? Welchen Stellenwert messen wir dieser Reise bei? Ist sie lediglich ein Moment neben vielen weiteren? Etwas, an dem sich beteiligt wird, weil es sich eben so gehört, ähnlich der*dem Backpacker-Tourist*in und Freund*in des Oberflächlichen à la »Yeah, I did Laos, Cambodia and Thailand in six days«? Oder, anders gefragt, welche Linke sind wir? Sind wir Themenfeld-Linke oder eine Linke, die in der Lage ist, den eigenen Kalender auch mal sein zu lassen, da es Momente und Konstellationen gibt, die eine andere Zugewandtheit und strategische Entscheidungsfreudigkeit verlangen? Haben wir für solche Momente und Konstellationen überhaupt noch einen Blick, ein Gespür? Oder sehen wir in diesem Besuch der EZLN all dies gar nicht, weil es für uns tatsächlich keine Veränderung bringt? Was erhoffen wir uns von dieser Reise für das Leben?

Ein Schuss über das Jetzt hinaus

Die EZLN macht die Reise für das Leben nicht aus reinem Selbstzweck. Sicher, sie nehmen die unmögliche Möglichkeit war, dass die jungen Generationen, die, die in der Autonomie geboren und groß geworden sind, die Welt kennen lernen. Und dann die Welt zurück in ihre Gemeinden tragen. Schon das allein ist Grund genug, warum die Reise erfolgen soll, warum sie zu unterstützen ist. Und dennoch könnte man erahnen, könnte der Gedanke aufkommen, dass nach dieser Reise, wann auch immer sie enden mag, ein Vorschlag seitens der EZLN kommen wird. Es wäre nicht das erste Mal in ihrer öffentlichen Geschichte, dass sie diejenigen, die mit ihnen ein Stück Weg gegangen sind, zu etwas mehr, zu etwas noch Größerem einladen.

Was könnte dieses Größere sein, inmitten einer transnationalen Vernetzung und einer bereits existierenden Koordination zwischen den unterschiedlichsten räumlichen Ebenen, von international bis auf die kleine Stadtebene? Was könnte dieses Größere sein, inmitten einer nicht aufhörenden Zurichtung und Zerstörung dieser Welt? Was könnte dieses Größere sein, inmitten einer bereits transnational existierenden und gemeinsam koordiniert agierenden feministischen Bewegung in Lateinamerika? Wäre es nicht da irgendwie denkbar, irgendwie wünschenswert und irgendwie begehrbar, inmitten unseren Unmöglichkeiten, die Möglichkeit eines Wiederkehrens einer Kommunistischen Internationalen, diesmal als Zapatistische Internationale zu erahnen? Eine Zapatistische Internationale bedeutet nicht den Import zapatistischer Praxisansätze. Damit entgeht man einer Auseinandersetzung mit der hiesigen, mit der eigenen Realität. Das wäre die salida fácil, der einfache Weg. Für andere Realitäten braucht es nicht nur andere Analysen, sondern auch andere strategische Vorschläge, um ebenfalls zu einem gemeinsamen Verständnis und kollektiven Handeln zu gelangen. Welche Erklärungen haben wir also parat, zu welchen kollektiven Aushandlungsprozessen und Hinterfragen eigener bisheriger Positionen und Überzeugungen sind wir bereit? Die EZLN ist ein Beispiel für genau dieses: das Hinterfragen tradierter Konzepte und das Ausarbeiten einer Analyse ihrer Realität, woraus schließlich eine Strategie entsprang, die in ein kollektives Handeln mündete, das in diesen 27 Jahren öffentlicher Existenz auch stets die Möglichkeit auf Veränderung zuließ. Eine Zapatistische Internationale wäre ebenso wenig eine vertikale Struktur, sondern gedacht als horizontaler Bewegungsraum, in dem die EZLN ein Akteur neben vielen ist - ähnlich zur gegenwärtigen transnationalen feministischen Bewegung. Ein Akteur neben vielen zwar, aber mit der Fähigkeit, strategische Vorschläge zu machen und auch in Zukunft das Undenkbare wieder umzusetzen. Ein Akteur neben vielen zwar, aber mit der Legitimität und dem Vertrauensvorschuss, solche Vorschläge auch machen zu können. Weil es auch 25 Jahre nach der Vierten Erklärung aus dem Lakandonischen Dschungel noch immer heißt: »Für alle das Licht. Alles für alle. Für uns der Schmerz und die Angst, für uns die freudige Rebellion, für uns die verweigerte Zukunft, für uns die rebellische Würde. Für uns nichts.«

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Dass es solch eine neue Internationale bedarf ist kein neuer Gedanke. Der Wunsch ist so alt, wie die Zusammensetzung der europäischen Vorbereitungsstruktur plural ist. Und dennoch verliert dieser Gedanke keineswegs an Gültigkeit. Erinnert sei hier an die Rede, die die Initiative Libertad!, eine der Quellgruppen der interventionistischen Linken, im Sommer 1996 auf dem Internationalen Treffen für eine menschliche Gesellschaft und gegen den Neoliberalismus, zu dem die EZLN einlud, hielt: »Ja, mehr denn je brauchen wir eine Internationale der Aufständischen in den Bergen und Städten, der Partisaninnen und Partisanen in den Organisationen und Komitees, in den politischen Basisbewegungen wie in Guerillagruppen. Es ist also eine kostbare Zeit, die wir hier verbringen. Gelegenheiten wie diese zu einer internationalen Diskussion gibt es zu wenige.« Am Ende, und um an dieser Stelle ein zapatistisches Bonmot zu verwenden, »fehlt, was fehlt«. Das ist nicht allein defizitär im organisatorischen Sinne gemeint, sondern soll dazu anleiten, sich nicht damit zufrieden zu geben, wie der Status Quo ist. Was ist, ist, was nicht ist, ist möglich.

Autor: Timo ist organisiert in der Ortsgruppe Frankfurt am Main der interventionistischen Linken.

Bilder: Alle Bilder stammen vom Blog ahuehuete und gehören zur freien und nicht-kommerziellen Medienarbeit der "Medios Libres, autónomos, alternativos o como se llamen", die mit der EZLN sympathisieren und die Vorhut begleiten.