von zu IL im Umbruch tags Bewegung soziale Kämpfe Basis Datum Feb 2026
Leipziger Genoss*innen aus dem Umfeld der Freien Arbeiter*innen-Union (FAU) reagieren mit einer Kritik auf unser Papier und plädieren u.a. für eine Arbeitsteilung innerhalb der (radikalen) Linken.
Als ein kleiner Leipziger Lese- und Diskussionskreis haben wir euer Zwischenstandspapier gelesen und möchten nun mit erheblicher Verspätung darauf reagieren. Wir haben verschiedene Aspekte eures Papiers besonders ausführlich diskutiert, und gliedern unseren Debattenbeitrag anhand dieser Themen: Aktuelle Forderung der iL, erweitertes Praxisfeld der iL, zukünftige Funktion der iL innerhalb einer Arbeitsteilung linker Organisationen.
Aktuelle Forderung der iL
Ihr setzt auf Vergesellschaftung als übergreifende Forderung einer zeitgenössischen radikalen Linken. Hier seht ihr offenbar euren Schwerpunkt für zukünftige Kampagnenarbeit neben anderen Schwerpunkten, wie den „Orten der Solidarität“, dem „Ungehorsam kämpfen“ etc., die ihr im Verlauf des Textes benennt. Allein auf Grundlage eurer Ausführungen konnten wir nicht erkennen, was genau ihr mit Vergesellschaftung eigentlich meint. Welche Modelle jenseits von Staat und Markt schweben Euch vor? Wie stellt ihr Euch die Umsetzung vor? Uns ist – natürlich – besonders der Begriff der demokratischen Selbstverwaltung (S. 37) ins Auge gesprungen, den ihr jedoch nicht durchgängig benutzt.
Wenn nicht als langsamen Aufbau und Stärkung von Syndikaten in demokratischer Selbstverwaltung, wenn nicht als freien Zusammenschluss von Menschen aufgrund gemeinsamer materieller Interessen - wie kommen wir dem Ziel von Vergesellschaftung stattdessennäher? Wie können wir uns den Spagat zwischen Vergesellschaftung auf der wirtschaftlichen Meso- oder vielleicht Makroebene (Konzerne, Branchen) und Selbstverwaltung auf der Mikroebene (einzelner Betrieb) vorstellen, nachdem Betriebe infolge von politischer Mehrheitsfindung in Parlamenten vergesellschaftet werden? Wir sind skeptisch, ob Diskursverschiebungen, ob die Herstellung parlamentarischer Mehrheiten angemessene Taktiken darstellen, um dem Ziel vergemeinschafteter oder vergesellschafteter Ressourcen näher zu kommen.
Als Beispiel für erfolgreiche Kampagnenpolitik, die auf Vergesellschaftung abzielt, nennt ihr ausgerechnet die Kampagne Deutsche Wohnen und Co. Enteignen. Hier vermissen wir eine ehrliche Analyse ihres Misserfolges. Wenn die Enteignung von Wohnkonzernen schon unter geradezu idealen Bedingungen einer rot-rot-grünen Regierung nicht gelingt, was bedeutet das für Taktiken wie Bürger*innenbegehren, Volksentscheide und Co. im Allgemeinen? Der immense Aufwand hat sich nicht gelohnt, und wir vermuten, dass auch bei einer Mehrzahl der Mieter*innen, die einst Hoffnung hatten, Ernüchterung eingetreten sein dürfte.
Solange euer Ruf nach Vergesellschaftung inhaltlich unbestimmt bleibt, erfüllt er ausschließlich die Funktion einer Diskursverschiebung eines Begriffes in Richtung „darüber wäre nachzudenken“. Ihr schreibt selbst, dass Vergesellschaftung als „Richtungsforderung mit utopischem Überschuss“ (S. 37) dient. Fair enough. Doch wenn die radikale Linke sich bereits auf eine gemeinsame Vorstellung vergesellschafteter Betriebe geeinigt hätte, wäre es natürlich famos, wenn ihr für diese Idee mit eurer Diskursmacht einsteht. Das hat sie unseres Wissens aber noch nicht. Außerdem hätten wir im Abschnitt „Vergesellschaftung als Richtungsforderung und Strategie“ eine Auseinandersetzung mit ebendieser Strategie erwartet. Stattdessen bleibt der Text viel zu vage. Zu diskutieren wäre etwa, wie verhindert werden kann, , dass die Überführung von Industrien in Gemeineigentum den Interessen der Lohnabhängigen zuwiderläuft.
Erweitertes Praxisfeld der iL
Wir sind uns nicht sicher, ob ihr Euch mit der Erweiterung eurer strategischen Orientierung wirklich einen Gefallen tut. Ihr wollt vieles gleichzeitig, zeigt aber wenige konkrete Wege auf, sondern hauptsächlich Zielorientierungen. Verzettelt ihr Euch nicht vielleicht, wenn ihr Euch all diese Dinge gleichzeitig vornehmt?
Doch eins nach dem anderen. Wie ihr richtig festgestellt habt, bleiben durch die Plattformen und Kampagnen, an denen ihr beteiligt wart „materielle Erfolge“ meist aus, und „echte“ Gegenmacht entsteht kaum (S. 35). Zur Lösung dieses Problems propagiert ihr nun „langfristige Gegenmacht, die nicht symbolisch und appellativ bleibt“ (S. 35). Euer Text verbleibt jedoch in genau diesem Habitus, und mit agitativer Sprache, wie im vorangegangenen Abschnitt am Beispiel der appelativ und symbolisch vorgebrachten Vergesellschaftungsforderung deutlich geworden sein sollte. Ihr gesteht an einer Stelle, dass es euch schwergefallen ist, „über Kampagnenarbeit hinaus Strukturen und Orte der Solidarität zu schaffen, die kurzfristige Mobilisierungshochs überdauern“. Ihr befindet Euch in einem Spannungsfeld zwischen der Stärkung spontaner Handlungsfähigkeit (Aktion) und langfristiger Organisierung (Organisation) (S. 40). An dieser Stelle ist uns ein Widerspruch aufgefallen, nämlich euer Politikbegriff: Ihr schreibt: „Wir erleben häufig, dass Genoss:innen den Aufbau dieser Orte [der Solidarität] [..] losgelöst von ihrer politischen Praxis in unserer Organisation und zum Teil in zeitlicher Konkurrenz betreiben.“ An diesem Satz scheint euer Verständnis von „politischer Praxis“ deutlich zu werden. Politisch ist für Euch eben nicht der Aufbau von sozialen Zentren, Stadtteilläden oder von Betriebsgruppen. Euer Verständnis von Politik verharrt noch immer in der Inszenierung von Gegenmacht mit dem Ziel einer gesellschaftlichen Diskursverschiebung. Darüber würden wir Euch bitten, nachzudenken.
Wir finden es zunächst richtig, wenn ihr schreibt, dass langfristige Basisarbeit und kurzfristige Kampagnenarbeit zusammengehören. Dass ihr euch Unzulänglichkeiten eingesteht, wenn es um erfolgreiche Basisarbeit geht, finden wir reflektiert. Uns ist nur nicht klar, warum ausgerechnet ihr diese Basisarbeit zum Zweck langfristiger Verankerung umsetzen müsst. Statt dass ihr euch komplett neu erfindet, fragen wir uns, wie ihr mit eurem bestehenden Know-how und eurer Mobilisierungsstärke weiterhin eine Funktion ausüben könntet, mit der ihr langfristige Basisorgas unterstützt.
Innerhalb der FAU haben wir in den letzten Jahren viel über die Schattenseiten eines Aktivismus gesprochen, der die eigenen Klasseninteressen außer Acht lässt und sich selbst zur Avantgarde der politischen Subjekte ernennt. Ein Aktivismus, der für die anderen kämpft, statt für sich selbst. Ein Genosse hat über solchen „außerirdischen Aktivismus“ ein Buch geschrieben, das Mitte 2025 erschien. Er führt anhand seiner eigenen Erfahrungen als Salt* in einem Betrieb aus, dass seine Rolle als Anlernender und Organizer für den Erfolg des Organizings hinderlich war. Darin schreibt er: „Aktivismus bedeutet, nicht die Transformation seines alltäglichen Lebens anzustreben, nicht direkt gegen das, was unterdrückt, zu revoltieren, sondern im Gegenteil dieses Terrain zu meiden.“
Da ihr – soweit wir das von außen beurteilen können – keine materielle Basis und kein gemeinsames materielles Interesse habt, könnt ihr innerhalb von Basisarbeit doch eigentlich nur diese Rolle der „Außerirdischen“ einnehmen. Ihr werdet also vermutlich in den Stadtteilläden, in der Nachbarschaftsarbeit und den Mieter*innenkämpfen, in den allermeisten Fällen unbezahlt (in wenigen Fällen bezahlt) Kaderfunktionen einnehmen, und dabei werden viele von Euch schnell verheizt werden. Wir sehen tendenziell die Gefahr der Überforderung der iL beim Vordringen in neue Praxisfelder. Außerdem bezweifeln wir, dass die genannte (und von uns kritisierte) Art des Aktivismus förderlich ist, um langfristige Basisarbeit zu leisten. Hier sehen wir beispielsweise eure Rolle innerhalb einer Kampagne zu politischen Streiks. Als iLer könnt ihr eben gut Kampagne. Andere können Streik, vielleicht könnt ihr das als widerständige Lohnabhängige miteinander verknüpfen?
Was könnte die Funktion der iL zukünftig sein, um innerhalb der radikalen Linken eine Arbeitsteilung verschiedener Organisationen zu gewährleisten? oder: „DESHALB: Kommt bitte nicht mit in den Alltag!“
Ihr weist ein zentrales Problem aus: Auf die Frage „Wie entsteht Gegenmacht?“ ist die Antwort: Eben nicht nur durch Kampagnen. Das finden wir richtig, und doch sind wir verführt, zu sagen: Bleibt doch bei euren Kampagnen. Ihr müsst euch nicht mit dem Kleinklein von Selbstverwaltung und Basisarbeit auseinandersetzen. Warum? Aus unserer Sicht habt ihr viele nützliche Skills im Bereich der Öffentlichkeitsarbeit und im Aufbau von Diskursmacht und Netzwerken. Könnte nicht etwa die Funktion der iL zukünftig sein, Gruppen, die Basisarbeit machen, über Plattformen miteinander zu vernetzen und mit einer gemeinsamen Kampagne zu überziehen? Könntet ihr nicht gezielt Arbeits- oder Mieter*innenkämpfe unterstützen, wenn diese eure Hilfe anfordern?
Auch eure Wissensweitergabe funktioniert häufig sehr gut, und ihr wart und seidan der „Ausbildung“ vieler neuer Linksradikaler beteiligt. Der darauf entstandene Organisationsrahmen könnte eine Ressource für Kämpfe sein, die tatsächlich Gegenmacht von unten, und zwar auf Grundlage materieller Interessen, aufzubauen versuchen. Wir haben in unserer Diskussion eures Zwischenstandspapiers angenommen, dass ihr Euch mit einer Dienstleister*innen-Rolle für andere revolutionäre Projekte nicht zufrieden geben würdet. An dieser Stelle bitten wir Euch zu überlegen, ob nicht euer Anspruch, eine eierlegende Wollmilchsau innerhalb der radikalen Linken zu sein, zu hoch ist. Hand aufs Herz, geht es Euch dabei eventuell darum, die eigene dominante Rolle unter den linken Organisierungsansätzen fortzuschreiben trotz der Erkenntnis eurer „unterbestimmten“ (S. 45) Praxis?
Jene Projektmanager*innenrolle, die ihr in eurem Text transparent macht, wäre doch sicher dort willkommen, wo Orte der Solidarität bereits entstehen. Und zwar aus sich selbst heraus entstehen und nicht durch das Design eines externen Zirkels. In diese Projektmanager*innenrolle oder Öffentlichkeitsarbeitsrolle würdet ihr Euch selbstverständlich von den Subjekten des Wandels wählen lassen. Von denen also, die aus sich selbst heraus ein eigenes Interesse am Kampf haben. Auf diese Art und Weise wäre euer Aufgabenfeld transparent und der Vertrauensaufbau zu den Menschen innerhalb der Kämpfe, die ihr unterstützt, könnte besser gelingen als bisher. Wäre nicht vielleicht sogar die Verstärkung der bestehenden Orte der Solidarität vielleicht ein Anker, von dem aus auf die „offenen Situationen“ (S. 48) besser reagiert werden könnte?
Abschließend denken wir, dass ihr mit eurem Text einen Common Sense in der radikalen Linken beschreibt, aber eigentlich keine klare Antwort darauf gebt. Welche Rolle gedenkt ihr nun einzunehmen im Möglichkeitsfeld zwischen Parteikadern, Sozialbewegung, NGOisierung und Basisarbeit? Von eurem Zwischenstandspapier hatten wir uns mehr Antworten erhofft. Wir hoffen, dass ihr diesen Beitrag nicht als Angriff versteht, sondern als Anregung, weiter darüber nachzudenken, welche Implikationen eure Selbstkritik und eure Analysen für eine mögliche Praxis haben.
*Begriffserklärung "Salt": Ein Salt ist eine Person, die oft im Auftrag einer Gewerkschaft eine Stelle in einem nicht-organisierten Betrieb annimmt. Das Hauptziel ist dabei, die Gewerkschaftsarbeit von innen heraus voranzutreiben.
Autor*inneninfo: Ein Lesekreis aus dem Umfeld der FAU Leipzig, mehrheitlich Mitglieder der Freien Arbeiter*innen-Union (FAU).